Erziehung
Sozialisierung von Welpen: im Wurf und danach
Ein gut sozialisierter Hund fühlt sich bei Menschen, anderen Tieren und alltäglichen Situationen wohl. Das entsteht nicht von selbst. In den ersten Lebensmonaten lernt ein Welpe, was normal und sicher ist, und was er in dieser Zeit nicht kennenlernt, kann ihm später Angst machen. Deshalb ist Sozialisierung eine gemeinsame Verantwortung von Züchter und neuem Besitzer.
Was ist Sozialisierung?
Sozialisierung ist der Prozess, in dem ein Welpe den Umgang mit Menschen und anderen Tieren lernt. Gewöhnung ist der verwandte Prozess, in dem er lernt, dass Geräusche, Gegenstände und Umgebungen keine Gefahr sind. Zusammen sorgen sie dafür, dass ein Hund später ruhig und selbstsicher durchs Leben geht.
Die Entwicklungsphasen
- Neonatale Phase (0 bis etwa 2 Wochen): Der Welpe ist blind und taub und vor allem mit Trinken, Schlafen und Warmbleiben beschäftigt. Sanfte Berührung durch den Züchter ist bereits nützlich.
- Übergangsphase (etwa 2 bis 3 Wochen): Augen und Ohren öffnen sich, und der Welpe beginnt zu laufen und seine Umgebung wahrzunehmen.
- Sozialisierungsphase (etwa 3 bis 12–14 Wochen): die wichtigste Phase. Der Welpe ist offen für neue Erfahrungen und lernt schnell. Was er jetzt positiv kennenlernt, erlebt er später als normal.
- Jugend und Pubertät: Sozialisierung bleibt nötig. Gelerntes muss gepflegt werden, und in der Pubertät kann ein Hund vorübergehend unsicherer werden.
Der Übergang in die Sozialisierungsphase fällt größtenteils in die Zeit beim Züchter. Ein guter Züchter nutzt diese Wochen bewusst; ein Welpe, der bis zur achten Woche in einem abgeschlossenen Raum aufwächst, hat bereits einen Rückstand.
Im Wurf: was der Züchter tut
Welpen, die im Haus mitten im Alltag aufwachsen, bekommen von selbst viele Reize. Ein Züchter ergänzt das durch gezielte Erfahrungen, angepasst an Alter und Tempo jedes Welpen:
- täglich behutsam hochheben, Pfoten, Ohren und Schnauze berühren;
- verschiedene Untergründe: Gras, Fliesen, Holz, Teppich, eine wackelige Fläche;
- Haushaltsgeräusche wie Staubsauger, Waschmaschine, Türklingel, Musik und Kinderstimmen;
- Besuch verschiedener Menschen: Kinder, Erwachsene, Menschen mit Hut, Brille oder Stock;
- kurze Zeiten getrennt von Mutter und Wurfgeschwistern sowie erste Erfahrungen mit einer Box und einer kurzen Autofahrt;
- sicheres Kennenlernen anderer gesunder, ruhiger Hunde und eventuell einer Katze.
Mutter und Wurfgeschwister lehren den Welpen ebenfalls viel: wie fest er beißen darf, wie er Signale anderer Hunde liest und wie er mit Frust umgeht. Deshalb bleiben Welpen mindestens acht Wochen im Wurfverband. In Belgien dürfen Welpen auch nicht jünger als acht Wochen den Besitzer wechseln.
Nach dem Umzug: die ersten Wochen zu Hause
Der Umzug ist ein großer Schritt. Geben Sie Ihrem Welpen in den ersten Tagen Ruhe und einen festen Rhythmus mit eigenem Schlafplatz. Danach machen Sie dort weiter, wo der Züchter aufgehört hat.
- Lassen Sie ihn in Ruhe neue Menschen, Orte, Fahrzeuge und Geräusche kennenlernen.
- Sorgen Sie dafür, dass jede Erfahrung positiv endet, etwa mit einer Belohnung oder einem Spiel.
- Qualität vor Quantität: Eine ruhige, gute Erfahrung ist besser als fünf überwältigende.
- Lassen Sie ihn selbst das Tempo bestimmen. Ziehen Sie ihn nicht zu etwas hin, wovor er Angst hat.
- Üben Sie täglich kurz das Alleinsein, damit er lernt, dass Sie zurückkommen.
- Besuchen Sie einen Welpenkurs, in dem Welpen in kleinen Gruppen unter Anleitung spielen und lernen.
Impfungen und Sozialisierung
Viele Besitzer sind unsicher, ob ihr Welpe schon nach draußen darf, bevor die Impfungen abgeschlossen sind. Das Infektionsrisiko muss gegen das Risiko von Verhaltensproblemen durch mangelnde Sozialisierung abgewogen werden, und Letzteres ist oft größer. Besprechen Sie mit Ihrem Tierarzt, welche Orte und Kontakte sicher sind: Ihr eigener Garten, Besuch bei Freunden, gesunde geimpfte Hunde und ein guter Welpenkurs. Meiden Sie Orte mit vielen unbekannten Hunden, bis Ihr Welpe vollständig geschützt ist.
Angstphasen
Um die achte bis zehnte Woche und oft noch einmal in der Pubertät durchlaufen viele Hunde eine Phase, in der sie empfindlicher für Schreckerlebnisse sind. Eine schlechte Erfahrung kann dann einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Seien Sie in diesen Phasen besonders vorsichtig, erzwingen Sie nichts und helfen Sie Ihrem Welpen, sich nach einem Schreck ruhig zu erholen.
Anzeichen, dass es zu viel wird
Ein überreizter oder ängstlicher Welpe zeigt das: Er leckt sich die Lippen, gähnt, wendet den Kopf ab, klemmt die Rute ein, erstarrt oder versucht wegzulaufen. Nehmen Sie diese Signale ernst und geben Sie ihm Abstand und Ruhe. Im Dossier Tierwohl und Beschäftigung lesen Sie mehr über Stresssignale.
Eine Sozialisierungsliste
Erstellen Sie eine Liste dessen, was Ihr Welpe in den ersten Monaten ruhig kennenlernen soll, und haken Sie ab, was gut ging:
- Menschen verschiedenen Alters und Aussehens;
- andere Hunde, Katzen und Tiere, denen er später begegnen kann;
- Verkehr, Fahrräder, Bus oder Zug, eine belebte Straße;
- Tierarzt, Hundesalon und Pflege wie Zähneputzen und Krallenschneiden;
- Regen, Wind, Dunkelheit und fremde Geräusche wie Gewitter und Feuerwerk (zuerst leise, über eine Aufnahme);
- Alleinsein, in der Box liegen und im Auto mitfahren.
Wann Hilfe suchen?
Ist Ihr Welpe sehr ängstlich, reagiert er heftig auf Menschen oder Hunde oder klappt das Alleinsein überhaupt nicht, warten Sie nicht, bis es von selbst vergeht. Sprechen Sie mit Ihrem Tierarzt und suchen Sie Hilfe bei einem anerkannten Verhaltensexperten. Je früher Sie beginnen, desto besser die Chancen.
Kurz gesagt
- Die Zeit von etwa 3 bis 12–14 Wochen ist das wichtigste Fenster für die Sozialisierung.
- Ein guter Züchter beginnt schon im Wurf mit gezielten, ruhigen Erfahrungen.
- Welpen bleiben mindestens acht Wochen bei Mutter und Wurfgeschwistern.
- Sorgen Sie zu Hause für positive, ruhige Erfahrungen und lassen Sie Ihren Welpen das Tempo bestimmen.
- Besprechen Sie mit Ihrem Tierarzt, wie Sie sicher sozialisieren, bevor die Impfungen abgeschlossen sind.
Quellen
- Genetics and the Social Behavior of the Dog (1965) (J. P. Scott en J. L. Fuller)
- Position Statement on Puppy Socialization (American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB))